Auf der Suche nach Skrei

Camiel Derichs, Regionaldirektor des MSC für Europa, begibt sich auf die Spuren von Norwegens König der Kabeljaue.

5 Uhr morgens in einem norwegischen Fischerdorf ist es weniger der arktische Wind, der mich wachhält, als der beißende Geruch, den er mit sich bringt. In einer schmalen Gasse am Rande des Hafens von Ballstad enthüllt eine makabre Szenerie den Ursprung des Geruchs: Anlangen Leinen schwingen Unmengen von Fischen, ihrer Köpfe entledigt, in der frischen Brise.

Bei diesen Fischen handelt es sich um Skrei, den norwegischen Winterkabeljau, dessen Name „wandernder Kabeljau“ bedeutet. Sie sind am Ende einer langen Reise angelangt, die hunderte von Meilen nördlich in der Barentssee begann – dem Teil des Meeres, der Europas nördlichste Gebiete vom Polarkreis trennt. Zum Laichen sind die Kabeljaue zu ihrem Geburtsort in den eisigen Gewässern um Norwegens abgelegene und beeindruckend schöne Lofoten zurückgekehrt. Der anstrengende Heimweg hat ihrem Fleisch eine feste Struktur und einen unverwechselbaren Geschmack verliehen, der zunehmend von Spitzenköchen und Fischhändlern geschätzt wird.

Ich kann es kaum erwarten, mit eigenen Augen zu sehen, ob die ganze Aufregung berechtigt ist, doch zuerst muss ich etwas fangen.

Kurz darauf gleiten wir an Bord des Fischerboots Junior aus dem ruhigen Vestfjord aufs offene Meer hinaus. Der Kapitän, Børge Iversen, ist in der Gegend geboren und aufgewachsen. Hier hat er den Großteil seines Lebens gefischt. Er arbeitet rund um die Uhr und häufig auch allein. Im Gefühl der Freiheit, das die Fahrt mit der Junior vermittelt, blüht er auf.

Das Echolot spürt bald einen großen Fischschwarm etwa 60 Meter unter der Meeresoberfläche auf. Wir werfen Haken mit geschälten Garnelen aus und warten darauf, dass der Kabeljau anbeißt.

Ein aromatischer Anreiz

Dieser Tage erlebt die norwegische Kabeljau-Industrie einen Boom. Die Fischereien gelten als mustergültige Beispiele nachhaltiger Fischerei. Doch auch hier hatte die Branche einige Herausforderungen zu bewältigen.

In den 1980er Jahren hat Überfischung in der Barentssee zum Zusammenbruch der Skrei-Bestände geführt. Große Fische waren eine solche Seltenheit, dass die Lokalzeitung Loftoposten jeden Fischer, der einen Skrei mit über 30 kg Gewicht fing, mit einem Kilogramm Kaffee belohnte. Zu Beginn der Aktion waren diese „kaffetorsk“ oder Kaffee-Kabeljaue selten. Heutzutage wird jede Woche mindestens einer gefangen und die Aufzeichnungen zeigen, dass die Zeitung mehr Kaffee als je zuvor herausgibt. Das ist nicht unbedingt ein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass sich die Bestände erholen, aber es spiegelt Børges Beobachtungen während seiner 42 Jahre in der Kabeljau-Fischerei wider.

Børge Iversen, Skipper auf der Junior

Børge Iversen, Skipper auf der Junior

„Heute gibt es mehr Fische als in meiner Kindheit und das haben wir einem angemessenen Fischerei-Management zu verdanken“, sagt Børge. „Tatsächlich könnten wir noch mehr Fisch fangen; die Kabeljau-Population hier ist zukunftsfähig.“

Zusammen für eine nachhaltige Zukunft kämpfen

Als Berge die Leinen einholt, wird deutlich, dass der heutige Fang sehr gut ist. Viele der Kabeljaue, die wir aus dem Meer holen, wiegen mehr als 10 Kilogramm. Einige sind sogar doppelt so schwer.

Die gesamte Flotte der lofotischen Kabeljau-Fischer arbeitet zusammen, um im Jahr 2011 die MSC-Zertifizierung zu sichern. Um die Anforderungen zu erfüllen, haben sie ihre Fanggeräte modifiziert und eine Mindestfanggröße von 60 cm festgelegt. So können die kleineren Fische wachsen und sich fortpflanzen. Es wurden auch große Anstrengungen unternommen, um illegale, ungeregelte Fischerei zu verhindern – ein Problem, das inzwischen erfolgreich bekämpft wurde.

Seit der Zertifizierung der Fischerei ist bei Konsumenten weltweit das Bewusstsein für Nachhaltigkeit gestiegen, was dem Skrei-Geschäft zusätzlichen Aufschwung verleiht.

Junge Unternehmer

Zurück am Dock drängen sich Kinder zu uns, Messer in ihren Händen. Ganz im Sinne des Lofoten-Grundsatzes, nichts zu verschwenden, entfernen sie geschickt die Zungen des frisch gefangenen Skrei. Diese sogenannten „torsketunge“ sind eine lokale Delikatesse, die in Mehl und Entenfett getrocknet und dann zu einem hohen Preis an lokale Restaurants verkauft werden. Die Verwalterin des lokalen Fischerdorfs Nusfjord erzählt mir, dass das ein typisches Ritual des Erwachsenwerdens für viele der Kinder hier ist. Als Kind arbeitete sie selbst an den Docks und sparte genügend Geld, um ihr erstes Boot zu kaufen. Sie sagt, dass einige der Jugendlichen während ihrer Schulferien heute bis zu 100.000 Kronen (12.000 US Dollar) verdienen. Das reicht als Anzahlung für ein Haus.

Das weltbeste System für Rückverfolgbarkeit

Eine großer Teil des Skreis der Region wird im Dorf Stamsund auf der Insel Vestvågøy an Land geholt. Das Dorf ist nicht nur ein wichtiger Fischereistandort, sondern auch der Standort von Norway Seafoods, einem MSC-zertifizierten Betrieb für die Verarbeitung und Auslieferung von Fischereiprodukten. Das Unternehmen verarbeitet 50 - 70 Tonnen Kabeljau, Seelachs und Schellfisch, 80 % davon stammen von MSC-zertifizierten Fischereien. Der Fisch ist deutlich gekennzeichnet und von den restlichen Fängen getrennt, wie es der MSC-Rückverfolgbarkeits-Standard verlangt. Der Einkaufsleiter Paul Hauan zeigt mir anhand sorgfältig geführter Listen der verschiedenen Fänge und der entsprechenden Boote, wie alles organisiert ist.

„Es ist das beste Rückverfolgbarkeitssystem der Welt. Der MSC kann damit die gesamte Lieferkette aller Produkte nachverfolgen.
Paul Hauan

Paul Hauan with mit einer Packung MSC-zertifiziertem Kabeljau © MSC

Paul Hauan with mit einer Packung MSC-zertifiziertem Kabeljau © MSC

Die Verarbeitung des angelandeten Kabeljaus im Werk von Norway Seafoods, Lofoten

Die Verarbeitung des angelandeten Kabeljaus im Werk von Norway Seafoods, Lofoten

Als wir die Lofoten verlassen, bin ich beeindruckt davon, welche wichtige Rolle der Kabeljau im Leben dieser Gemeinschaft, ihrer Kultur und ihrer Küche spielt. Ohne ihn würden die Lofoten nicht dieselben sein. Bei der Nachhaltigkeit der Fischerei geht es also um vielmehr als Fischbestände. Es geht darum sicherzustellen, dass die Lebensweise derGemeinschaft auch in Zukunft Bestand hat.

MSC-Botschafter und Chefkoch Bart van Olphen zeigt uns, was man mit Skrei, "Norwegens bestgehütetem Geheimnis", alles machen kann.

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